Embodied Cognition

 
 


Der Terminus „Metapher“ wurde schon vor über 2000 Jahren von Aristoteles erwähnt und hat sich im Laufe der Jahrhunderte durch den Einfluss verschiedener Bereiche wie der Sprachwissenschaft, aber im letzten Jahrhundert auch der Neurowissenschaft, weiter entwickelt. 1980 veröffentlichten der Linguist George Lakoff und der Philosoph Mark Johnson unter dem Titel „Metaphors we live by“ einen Ansatz zur Erklärung der Bedeutung der Metaphern für unser Sprechen – und Denken. Lakoff und Johnson verneinen in ihrer – von Harald Gropengießer für die Fachdidaktik adaptierten – Theorie des erfahrungsbasierten Verstehens die rein ornamentale Funktion der Metaphern und schreiben ihr eine wesentliche Bedeutung in der Konstruktion von Wirklichkeit zu. Metaphern, so argumentieren sie, entstehen durch die Übertragung von Erfahrungen aus einem Ursprungsbereich auf einen abstrakten Zielbereich und werden deshalb als erfahrungsbasiert bezeichnet.


Erfahrungen – Quelle des Verstehens



Erfahrungen bilden die Verbindung zwischen einem Organismus und seiner Umwelt. Sie erwachsen aus dem Kontakt mit der Umwelt, sie sind beeinflusst durch die Körpergestalt eines Organismus, seine genetisch determinierten Voraussetzungen, Umwelteinflüsse und auch sozialen Kontexte. Erfahrungen sind direkt, d. h. sie beziehen sich nicht auf Erinnerungen, sondern kennzeichnen eine unmittelbare Begegnung mit dem erfahrenen. Wiederholtes sensomotorisches Interagieren mit der Umwelt, im Sinne einer sich wiederholenden Handlung, formt die beteiligten funktionellen Neuronengruppen: Die Art und Weise, wie wir mit unserem Körper in unserer Mit- und Umwelt handeln, entwickelt unser mentales System und generiert bedeutungsvolle Begriffe. Erfahrungen prägen nicht nur unsere Vorstellungswelt, sondern manifestieren sich auch in neuronalen Strukturen, wie Gallese und Lakoff zeigen konnten. Rohrer konnte darüber hinaus einen neuronalen Zusammenhang zwischen Metaphern und physischen Erfahrungen finden: Beim Denken einer Metapher werden die gleichen neuronalen Strukturen angeregt wie durch die physische Erfahrung des Quellbereichs der Metapher. Stellt man sich die Atmosphäre als Behälter vor, werden beim Denken an die Atmosphäre somit ähnliche Neuronen aktiviert wie beim Denken an einen Behälter und beim Anfassen und Erkunden eines Behälters.


Direktes und imaginatives Verstehen

Die Theorie des erfahrungsbasierten Verstehens beschreibt die Rolle der Metaphern beim Verstehen. Für Lakoff und Johnson funktioniert unser Begreifen mit unserem kognitiven System weitgehend metaphorisch oder allgemeiner: imaginativ.

Aber nicht alle Bereiche unseres Denkens und Sprechens sind imaginativ. Alle sensomotorischen Begriffe wie z. B. gehen, sitzen, greifen, halten, sehen, essen können unmittelbar verstanden werden: Sie bezeichnen eine konkrete, durch verkörperte Erfahrungen zugängliche Handlung. Vorstellungen z. B. von einem Elefanten können direkt sein, weil man ihn sehen, hören, anfassen und riechen kann. Erfahrungen mit der physischen und sozialen Umwelt führen somit zu Vorstellungen von direkt erfahrbaren Gegenstandsbereichen.

Zum Verstehen und zur Erklärung abstrakter, nicht unmittelbar erfahrbarer Bereiche, werden Erfahrungen mithilfe von Metaphern aus verkörperten Quellbereichen in abstrakte Zielbereiche übertragen.

Metaphern sind dabei nicht nur ein Phänomen des Alltagsdenkens, sondern sind auch konstituierend für wissenschaftliche Theorien. In jedem Fachbuch sind Metaphern zu finden. So wie Metaphern unsere Lebenswelt strukturieren, strukturieren sie auch die Wissenschaft.

 

Denken in Bildern

Metaphern sind in unserer Sprache allgegenwärtig. Kein Zeitungsartikel, kein Gespräch, kein Fachbuch kommt ohne die Nutzung von sprachlichen Bildern aus. Liest man einen Fachtext, entsteht der Eindruck, dass je abstrakter ein zu erklärender Sachverhalt ist, desto mehr Metaphern werden genutzt um ihn zu erklären. So wird der Klimawandel von Wissenschaftlern nicht selten auf den „verstärkten Treibhauseffekt“, einen „gestörte Strahlungsbilanz, oder auch auf „sich schließende Strahlungsfenster“ zurückgeführt. All diese Bezeichnungen sind durch und durch metaphorisch: Die Ereignisse in Gewächshäusern werden auf die Atmosphäre übertragen und mit dem lebensweltlichen Gegensatz schwach-stark beschrieben, Worte werden der Buchhaltung entlehnt und über den Gegensatz gestört-ungestört personifiziert oder die Atmosphäre wird mit einer Wand verglichen, in der sich Fenster schließen.



Metaphern – mehr als schöne Bilder

Während man lange Zeit der Ansicht war, dass Metaphern rhetorische Figuren sind, die die Sprache schmücken und sie lebendiger machen, beschreibt die kognitive Metapherntheorie ein Konzept, nach dem die Sprache erst durch Metaphern zu leben beginnt: Wir können gar nicht ohne Metaphern sprechen oder schreiben. Dabei kann nicht nur bestätigt werden, dass Metaphern zur Erklärung abstrakter Phänomene genutzt werden, sondern auch erklärt werden, warum sie genutzt werden.